Stellungnahme gegen Gewalt

Aufgrund aktueller Vorkommnisse rund um die Tragödie in Neuss, wie z.B. der vereinzelt geäußerten Meinung daß das eine gerechtfertigte Tat gewesen wäre, möchten wir uns hiermit klar gegen Gewalt positionieren:

Wir, die Mitläufer, sprechen uns gegen Gewalt jeglicher Art aus. Als soziale Initiative ist es unsere Überzeugung daß Gewalt, egal welcher Art, egal in welche Richtung, kein akzeptables Mittel ist.

Aus der Physik wissen wir, daß auf jede Aktion eine Gegenaktion folgt, das ist bei Gewalt ebenso, nur daß die Reaktion zumeist heftiger ausfällt. Gewalt, ganz gleich ob körperliche, verbale oder psychische sorgt für Verletzungen und Kränkungen und erzeugt als Reaktion erneut Gewalt, oft gegen den ursprünglichen Verursacher gerichtet, oft aber auch gegen vorher unbeteiligte Dritte, die schwächer sind. Das Ganze schaukelt sich auf, und erzeugt einen abwärts gerichteten Kreislauf, Gewaltspirale genannt.

Diese Gewaltspirale gilt es zu durchbrechen. Es gibt keine positiven Aspekte der Gewalt, Gewalt zerstört, nachhaltig. Gewalt hinterlässt verbrannte Erde, Narben, zerstörte Menschen, und das nicht nur bei den Geschädigten, sondern auch bei den Tätern. Diese empfinden Reue, Scham, Ohnmacht, Wut über sich selbst, und jagen sich damit selbst wieder in die Gewalttätigkeit.

Ein beispielhafter Verlauf einer Gewaltspirale sieht wie folgt aus: Eine Person beleidigt eine andere, immer wieder, bis sich bei der beleidigten Person genug Frustration aufgestaut hat, daß diese anfängt sich zu wehren. Das kann ebenfalls verbal sein, oder, bei entsprechendem Frustlevel physisch, indem die Person zuschlägt. Der bisherige Aggressor wird dabei vom Täter zum Opfer und fühlt sich nun seinerseits gedemütigt. Ist diese Demütigung stark genug (z.B. weil sie vor anderen Menschen erfolgte) entscheidet sich dieser für eine Gegenaktion die dem ehemaligen Opfer “eine Lektion erteilen” soll. Das kann z.B. sein daß er mit einem Baseballschläger oder einem Messer auf denjenigen losgeht, und ihn schwerwiegend verletzt. Das erneute Opfer fühlt sich dadurch noch schwerer gekränkt, und schmiedet im Krankenhaus Rachepläne.. Sobald er entlassen wird besorgt er sich eine gefährlichere Waffe, z.B. eine Pistole und lauert damit seinem Schädiger auf.

Das ist natürlich nur eine vereinfachte und verkürzte Darstellung, entspricht aber dem was täglich passiert, wenn Gewalt involviert ist. Damit muß Schluss sein. Existierende Gewaltspiralen müssen durchbrochen werden.

Grundlegender Mechanismus ist, daß jegliche Gewalt (und natürlich weitere Einflüsse) gegen einen Menschen dessen Aggressionslevel erhöht. Solange die diesem Menschen innewohnende Hemmschwelle höher ist als der Aggressionslevel kann sich der Mensch gut zurückhalten, ist die Hemmschwelle jedoch niedriger als die Aggression kann es vorkommen daß  der Mensch selbst gewalttätig wird. Verschiedene Arten der Gewalt haben  verschiedene Hemmschwellen, so ist es leichter verbal anzugreifen als physisch, und es ist leichter einen Schlag auf den Arm zu platzieren als ins Gesicht. Je stärkerer Gewalt jemand ausgesetzt ist desto stärker steigt auch der Aggressionslevel, und desto stärker kann der Gewaltsausbruch ausfallen.

Gewalt ist keine Lösung sondern schafft Probleme, immer.

Der Gesetzgeber begrenzt sogar, zu Recht, die erlaubte Gewalt in Notwehr- und Nothilfesituationen. Auch in Situationen der Not muß Gewalt angemessen sein, und darf auch nicht präventiv erfolgen. Wer z.B. glaubt angegriffen zu werden und daher zu Gewalt greift verlässt den Rahmen der Notwehr und wird selbst zum Täter. Wer jemandem die Nase bricht weil er am Arm angefasst wurde verlässt ebenso den Rahmen der Notwehr und wird selbst zum Täter.

Wir sprechen uns folglich für Gewaltlosigkeit in jeglicher Form aus und tolerieren Gewalt, sowie Aufrufe zu Gewalt nicht. Als soziale Initiative liegt uns eine Verbesserung der Situation für alle Beteiligten am Herzen, dieses ist mit keiner Art der Gewalt vereinbar, und daher stellen wir uns entschieden (aber friedlich) Befürwortern von Gewalt entgegen.

Eine Verbesserung der Situation lässt sich nur durch konsequenten Verzicht auf jegliche Form der Gewalt erreichen.

Das Mitläufer-Team

100 Tage Mitläufer – Eine Idee lernt laufen

Rund 100 Tage gibt es jetzt die “Mitläufer”. Entstanden sind sie nach einem Artikel der FAZ, in dem Johannes Ponader, poltitischer Geschäftsführer der Piratenpartei, seinen Rücktritt vom Amt erklärte [1]. In diesem Artikel wurde darauf hingewiesen, dass die Situation der Menschen sich dadurch erheblich verändern würde, wenn jeder mit einem Beistand zum Jobcenter gehen könnte. Spontan fanden sich Menschen zusammen, die diese Idee zur Realität werden liessen. Sie gründeten “Wir Gehen Mit – Die Mitläufer”.

Inzwischen sind mehr als 150 Menschen in der Mitläuferliste [2] in über 100 Städten in Deutschland verzeichnet. Und fast jeden Tag kommen weitere Mitläufer hinzu. Jeder, der sich in die Liste einträgt, hat sich damit auch dem “Kodex”[3] der Mitläufer verpflichtet und kann sich ein “Mitläufer 1×1″ [4] herunterladen. All diese Hilfen stehen auf der Internetseite der Initiative www.wirgehenmit.org als Download zur Verfügung bzw. sind dort einzusehen.

Erst vor wenigen Tagen wurde das Design der Website von der Technik des Orga-Teams der Mitläufer neu gestaltet und die Möglichkeiten zum Download geschaffen. Hier ist neben den bereits genannten Hilfen auch die Möglichkeit gegeben sich das Logo und die Flyer der Initiative herunterzuladen. “Wir wollen allen Helfern und Mitläufern in Deutschland die gleichen vielfältigen Möglichkeiten eröffnen, die Initiative überall bekannt zu machen.” betont Till Riebeling, Initiator von WirGehenMit. “Das ist nur möglich, wenn überall dafür nutzbare Hilfsmittel zur Verfügung stehen. Dabei ist das Internet eine wichtige Quelle des kooperativen Erarbeitens und der Verbreitung.”

Natürlich sind auch die Begleiteten aufgerufen Ihre Erfahrungen mit den Mitläufern auf der Internetseite zu teilen. Dazu wurde neu die “Feedback-Seite” [5] eingerichtet. Hier kann jeder seine Erfahrungen posten. Der Beitrag wird von den Administratoren der Seite noch einmal auf Anonymität geprüft und notfalls vor dem Veröffentlichen entsprechend angepaßt. “Wir wollen dadurch vermeiden” erklärt Pressesprecher Hans-Peter Weyer, “dass Menschen im Überschwang der Gefühle zu viele persönliche Dinge preisgeben und dadurch erkennbar werden können.” Der Schutz der Hilfesuchenden ist ein zentrales Thema der Mitläufer – auch im Internet. So werden auch keinerlei Daten gespeichert, wenn jemand die Website besucht.

Auch auf Twitter, bei Facebook und bei Google+ sind die Mitläufer zu finden. “Wir nutzen alle Wege, um einem Hilfesuchenden einen Mitläufer zur Seite stellen zu können”, ergänzt Weyer. So kommen immer mal Anfragen in der Zentrale an, bei denen die Orte  bisher nicht in der Liste stehen. “Auch in diesen Fällen können wir fast immer helfen, indem wir die Suchanfrage anonymisiert über alle Kommunikationskanäle verbreiten.” Dabei ist es auch schon passiert, dass ein Mitläufer schon mal hundert Kilometer zurückgelegt hat, um den Hilfesuchenden nicht allein stehen zu lassen.

“Es ist eine tolle Erfahrung, wie viele Menschen sich inzwischen so sehr für diese Idee einsetzen”, begeistert sich Initiator Riebeling. “Dieses Engagement hatte ich zwar erhofft, aber in diesem Ausmaß anfangs nicht erwartet. Aber es zeigt, dass die Menschen zusammenhalten wollen, wenn es drauf ankommt. Und das über alle Gesellschaftsschichten hinweg. Es ist eine Form der Nachbarschaftshilfe, die jeder mitmachen kann. Es sind keine besonderen Kenntnisse erforderlich, da es nur um das dabei sein, die moralische Unterstützung der Betroffenen geht.”

Hier liegt auch der entscheidende Unterschied der Mitläufer zu anderen Hilfsorganisationen. In einer Positionierung [6] hat die Initiative dies erklärt. Die Mitläufer bieten z.B. keine Rechtsberatung an. “Da gibt es viele gute Vereine und Organisationen, die das viel besser können als wir und viel mehr Erfahrung damit haben”, erklärt Weyer. “Wir wollen keine Konkurrenz zu den bisherigen Organisationen sein. Die Mitläufer tun das, was der Name sagt – sie laufen mit.” Der psychologische Effekt der dritten Person im Gespräch zwischen Sachbearbeiter und Hilfesuchendem sei enorm. In vielen Fällen haben die Begleiteten erklärt, dass sie viel entspannter in das Gespräch gehen konnten und dass der Sachbearbeiter viel freundlicher reagiert hatte als in den Gesprächen zuvor.

“Unsere Arbeit kommt beiden Seiten zugute”, ergänzt Riebeling. “Sie hilft die Gesamtsituation zu entspannen, was sowohl für den Sachbearbeiter als auch für den Hilfesuchenden zu einer besseren und damit konstuktiveren Atmosphäre und besseren Ergebnissen für alle Beteiligten führt.” Dafür sind die Mitläufer von Organisationen, die gegen Hartz4 und Jobcenter kämpfen, schon als “Jobcenterfreunde” beschimpft worden. “Uns geht es nicht um die politische Dimension der Sache, sondern um die direkte Hilfe und moralische Unterstützung für die Hilfesuchenden und um die Deeskalation der Situation im Gespräch”, so Riebeling weiter. “Das Aktionsfeld der Mitläufer liegt nicht im politischen, sondern im sozialen Bereich.”

Trotzdem setzen die Mitläufer auf die Kooperation mit anderen Organisationen und sind mit einigen Organisationen auch im Gespräch. “Wir wollen unsere Mitläufer auch schulen”, blickt Weyer in die Zukunft. “Dabei geht es um Grundkenntnisse beim SGB, es geht um geschichtliche Entwicklung des Sozialsystems oder um Ausblicke in die Zukunft. Hier sollen zumindest Grundkenntnisse für diejenigen vermittelt werden, die das möchten und dazu nutzen wir gern auch Angebote bestehender Organisationen.”  In den eigenen Schulungen soll das Hauptaugenmerk auf die psychologischen Hintergründe und ihre Auswirkung der dritten Person im Gespräch auf Hilfesuchenden, Sachbearbeiter und Gesamtsituation gelegt werden.

Wer sich den Mitläufern anschliessen möchte oder Hilfe sucht, kann sich an die Zentrale wenden, die alle weiteren Schritte einleitet. [7] Per Email kann der Verein über mitlaeufer@wirgehenmit.org erreicht werden. Über Telefon erreicht man Frank Knott in der Zentrale über 02065-7923199 und 06131-3271815. Weitere Informationen finden sich auf unserer Seite Mitmachen&Kontakt. [8] Medienvertreter wenden sich an Pressesprecher Hans-Peter Weyer unter 0203-5090895.

Aus der Idee der Mitläufer ist in hundert Tagen eine handlungsfähige Gruppe geworden. Mit der bevorstehenden Gründung als gemeinnützigem Verein, wird es im Sozialsystem eine neue Kraft geben, die sich der sozialen Verantwortung der Menschen untereinander verschrieben hat. Ganz nach dem Motto: “Wir gehen mit – die Mitläufer für ein menschlicheres Sozialsystem”.

Quellangaben 
[1] FAZ-Artikel  http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ein-pirat-zieht-sich-zurueck-ich-gehe-mein-ruecktritt-vom-amt-11809930.html
[2] Mitläuferliste  https://mitlaeufer.piratenpad.de/2
[3] Kodex  https://mitlaeufer.piratenpad.de/5
[4] Mitläufer 1×1 https://mitlaeufer.piratenpad.de/22
[5] Feedback  http://wirgehenmit.org/?page_id=107
[6] Positionierung  http://wirgehenmit.org/?p=431
[7] Kontakt  http://wirgehenmit.org/?page_id=415
[8] Mitmachen&Kontakt  http://wirgehenmit.org/?page_id=58

Verantwortlich für diese Pressemitteilung:

Hans-Peter Weyer
Presseteam “Die Mitläufer”
Goebenstrasse 94
47169 Duisburg
Tel: 0203-5090895
Mobil: 0172-2583569
E-Mail: presse@wirgehenmit.org

“Ich hab kein Recht auf Datenschutz und Privatsphäre mehr”

oder: warum ich “wir gehen mit” wichtig finde.

Seit mehr als zwölf Jahren beschäftige ich mich mit den Themen Datenschutz und Privatsphäre und doch stammt der Satz in der Überschrift von mir. Er stammt aus einer Zeit als ich selbst ALG II-Leistungen erhielt und mein Selbstwertgefühl bei jedem Termin bei der Arbeitsagentur endgültig in den Keller ging. Ich fühlte mich entrechtet und sah dies langsam aber sicher auch als etwas an, was sich nicht vermeiden lässt, was nun einmal der Preis dafür ist, dass ich vom “Sozialstaat” aufgefangen werde, nicht verhungere und nicht auf der Straße lebe. Ich weiß noch, wie ich eines Tages sogar vorher den Wirt einer Kneipe fragte ob es okay ist, wenn ich hereinkäme weil ich doch “HartzIV” wäre. Ich fühlte mich, um aus einem Buch zu zitieren, wie der Kaugummi am Boden eines Schuhs.

Die Termine bei der Arbeitsagentur waren für mich Termine in der Hölle. Schon Tage zuvor bekam ich Bauchschmerzen und Schlafstörungen, am Tag des Termins saß ich wie paralysiert da und musste mich zwingen, zum Termin zu gehen, das Gebäude zu betreten war grausam und bereitete mir förmlich Schmerzen. Was für mich am schlimmsten war, war die Tatsache, dass ich, die ich doch über Datenschutz und Privatsphäre schrieb; ich, die ich doch Leute immer dazu ermunterte, sich zu wehren, letztendlich kleinbeigab. Ob es darum ging, Fragen zu meinem Intimleben zu beantworten, ob ich die Kontoauszüge ungeschwärzt zeigte oder aber auch Fragen zu meinen Krankheiten einfach so beantwortete – letztendlich brauchte ich das Geld, denn Vermieter, Stromversorger usw. standen permanent bei Fuß und wollten logischerweise von mir Geld. Ich merkte, dass ich manchmal, wenn ich das Gebäude verließ, schon nicht mehr wusste, was konkret besprochen worden war, so durcheinander und ausgepowert war ich nach einem solchen Termin. Hätte es zu jener Zeit schon etwas wie “wir gehen mit” gegeben, so hätte ich mich sicherlich dort gemeldet oder jemand hätte mich zu ihnen geschickt. Doch ich war allein und so fühlte ich mich denn auch.

Ich weiß, dass ich vieles hätte besser, geplanter durchführen können, welche Möglichkeiten ich gehabt hätte, doch zu jener Zeit hatte ich keine Kraft mehr dafür und es fehlte an einer Stütze, die beim Termin neben mir gesessen hätte, die mal meine Hand gedrückt oder auch nur mal “Entschuldigung, das muss Bettina nicht beantworten” gesagt hätte. Wenn es heutzutage Initiativen wie “wir gehen mit” gibt, dann ist dies eine Bereicherung in Zeiten, in denen viele Menschen sich zunehmend nur noch an Hand ihrer Erwerbstätigkeit definieren und meinen, sie wären als ALG II-Empfänger nichts mehr wert.Dass das Wort “Mitläufer” in diesem Kontext von “wir gehen mit” genutzt wird, finde ich großartig, es ist eine so schöne ironische Anspielung auf jene, die das Mantra der Sozialschmarotzer und der “dreckigen, saufenden und blöden ALG II-Empfänger” nachbeten, die sich keine Gedanken darüber machen, wie es den Menschen geht, die sie so ganz einfach abwerten.

Ich hoffe, dass auch mit Hilfe von “wir gehen mit” kein ALG II-Empfänger, kein Sozialgeldempfänger mehr denkt, er hätte kein Anrecht auf Datenschutz und Privatsphäre mehr; ich hoffe, dass viele sich an “wir gehen mit” wenden werden um auf diese Weise Menschen zu finden, die sie zu den Terminen begleiten, die ihnen als Stütze dienen wenn sie sich der ALG II-Maschinerie ausgeliefert fühlen.

Ich werde versuchen, in den Blogbeiträgen hier auf ein paar immer wiederkehrende Fragen zum Thema Privatsphäre und Datenschutz bei ALG II einzugehen. Ich werde keine Rechtsberatung anbieten (können), aber ich hoffe, dass meine Beiträge auch dazu beitragen, dass das Selbstbewusstsein vieler ALG II-Empfänger wieder wächst und sie insbesondere auch durch Initiativen wie “wir gehen mit” der Hilflosigkeit und der daraus oft resultierenden Depression entkommen können. Weder psychosoziale Beratung noch Rechtsberatung kann ich anbieten, das will ich auch nicht, ich möchte jedoch auch auf Grund meiner Erfahrungen, verhindern, dass allzuviele Menschen auf die gleichen deprimierenden Gedanken kommen wie ich sie einst hatte. Ich hoffe, dass dies dazu führt, dass Betroffene verinnerlichen, dass ALG II und Datenschutz und Privatsphäre sich eben nicht ausschließen.

 

Twister (Bettina Hammer)