Rundschreiben an die Mitläufer vom 19.03.2013

Da seit Beginn des Projektes sehr viel passiert ist, und wir nicht wissen wer von den Mitläufern wieviel davon mitbekommen hat haben wir uns entschlossen ausnahmsweise eine Rundmail zu schreiben. Diese findet sich nun ebenfalls hier:

Liebe Mitläufer,
dank Euch ist aus dem kleinen und vielleicht unscheinbaren Tweet im Datenozean eine organisierte Initiative geworden: Wir begleiten mittlerweile mit 215 festen und vielen spontanen Mitläufern in allen großen und vielen kleinen Städten Menschen zu Ämtern, Behören und Jobcentern. Das Feedback, welches wir von Begleitern wie Begleiteten bekommen, ist durchgehend positiv.

Wir haben einen Verein gegründet
Nachdem der Verein Wir Gehen Mit – Die Mitläufer am 23.11.2012 im Unperfekthaus in Essen gegründet wurde, haben wir vor Kurzem die Eintragung ins Vereinsregister erhalten und warten aktuell auf die Anerkennung der Gemeinnützigkeit. Sobald diese erteilt wurde, werden wir uns noch effektiver um die Unterstützung der Mitläufer und Begleiteten durch Schulungen und Beratungsangebote, durch ehrenamtliche und gemeinnützige Initiativen und Vereine vor Ort kümmern können. Außerdem werden wir in die Lage versetzt, uns unabhängiger von den uns freundlicherweise Infrastruktur zur Verfügung stellenden Bürgerinitiativen und z.B. auch den Parteien zu machen und so unserem Anspruch als von der Politik unabhängigen Initiative gerecht werden.
Auch können wir dann, neben Eurer Mund-zu-Mund-Propaganda in der analogen wie der digitalen Welt, auch Flyer, Postkarten, Aushänge und Plakate drucken lassen, um auch diejenigen zu erreichen, die sich entweder keinen Internetanschluss leisten können oder wollen, jedoch trotzdem einen Nutzen von einer ehrenamtlichen Begleitung haben könnten.
Da der Verein lediglich zur Organisation und Öffentlichkeitsarbeit dient, muss natürlich keiner, weder Mitläufer noch Begleiteter, Mitglied werden.
Um eine Grundlage für Menschen zu schaffen, die ehrenamtliche Solidarität leben und Menschen bei Bedarf begleiten, haben wir hier für Euch:

Der Verhaltenskodex der Mitläufer (aktualisiert und im Konsens beschlossen):
1. Mitläufer begleiten ehrenamtlich Hilfesuchende zu Terminen bei Ämtern und zum Jobcenter.
Sie unterlassen dabei alles, was dem Hilfesuchenden in seiner Sache schaden könnte und tragen zur Deeskalation bei.
2. Mitläufer erstellen nach einer Begleitung, wenn es vom Begleiteten gewünscht wird, ein Gedächtnisprotokoll, welches dem Hilfesuchenden übergeben wird. Das Protokoll wird vom Mitläufer und dem Begleiteten unterschrieben.
3. Datenschutz und Verschwiegenheit über persönliche Daten sind uns sehr wichtig und wir behandeln die uns zur Kenntnis gebrachten Informationen absolut vertraulich!
4. Es wird vor dem Termin abgesprochen, ob der Mitläufer nur als stummer Begleiter auftritt, der sich ggf. Notizen macht, oder ob er in die Diskussion mit dem Sachbearbeiter eingreifen darf.
5. Es findet keine Missionierung statt: Eine Beeinflussung der Begleiteten zum Zwecke politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Anwerbung oder der aktiven Mitarbeit bei den Mitläufern lehnen wir ab.
6. Ausgrenzung, Menschenverachtung und Diskriminierung haben bei den Mitläufern keinen Platz.
7. Zuverlässigkeit: Ein Mitläufer hält sich an die getroffenen Vereinbarungen.
8. Der Begleitete kann jederzeit (auch während des Termins) den Mitläufer ohne Angabe von Gründen aus seiner Funktion entlassen. Hierauf weist der Mitläufer hin und respektiert den Wunsch des Hilfesuchenden.
9. Bei Verstößen gegen die gemeinsam beschlossenen Verhaltensregeln ist eine Beschwerde über einen Mitläufer unter folgender Adresse möglich:
mitlaeufer@wirgehenmit.org Wir versuchen dann gerne zu schlichten (und müssen es uns natürlich letztendlich auch vorbehalten, einzelne Mitläufer die sich nicht an die Regeln halten, auszuschließen).

Unser 1×1 für Mitläufer
* immer ruhig, höflich und sachlich bleiben
* Sachbearbeiter sind KEINE Feinde, sondern potenzielle Verbündete.
* Anträge von Betroffenen sollten immer schriftlich mit einem Eingangsstempel des Jobcenters auf einer eigenen Kopie gestellt werden.
* Wenn der “Kunde” einen Mitläufer mit zum Gespräch bringt, hat er hierzu laut §13(4) SGB X das Recht und es ist vom Amt so hinzunehmen.
* Der Beistand bedarf keiner besonderen Legitimation oder Anmeldung. Es genügt, dass der Beteiligte mit ihm zu Verhandlungen oder Besprechungen erscheint (§13 Abs. 4 SGB X).
* Ein Beistand kann nur zurückgewiesen werden, wenn er aggressiv, betrunken, oder verwirrt ist. Außerdem muss er volljährig sein und, falls er Anwalt ist, darf er nicht vom Begleitetem bevollmächtigt sein.
* Seinen Namen muss der Mitläufer nicht nennen, aber aus der Erfahrung heraus empfehlen wir, sich mit Namen vorzustellen. Ein Mitläufer, der sich an den Kodex hält, tut ja nichts, das in irgendeiner Form negativ auffallen könnte. Das persönliche Vorstellen ist ein guter Einstieg in ein respektvolles Gespräch.
* Der Mitläufer bereitet sich vor dem Termin gemeinsam mit der/dem zu Begleitenden vor. Dies gilt insbesondere, wenn der Begleiter mehr als nur anwesend sein und still Protokoll führen soll. Denn wichtig ist: „Das von dem Beistand Vorgetragene gilt als vom Beteiligten vorgebracht, soweit dieser nicht unverzüglich widerspricht“ (SGB X, §13, Abs. 4), hierauf wird der Begleitete im Vorfeld hingewiesen. Deshalb ist es wichtig, vor dem Termin genau abzusprechen, welches Ziel erreicht werden soll (z.B. Abwendung einer Sanktion, Barauszahlung, etc.) und welche Rolle der Beistand dabei spielen soll (ruhig und lediglich beobachtend oder aktiv eingreifend).
* Ein Mitläufer sollte nicht äußern, das er als Zeuge fungiert, da es mehrere Berichte gibt, dass Zeugen von Sachbearbeitern ausgeschlossen wurden. Ein Mitläufer ist Beistand, auch wenn er bei evtl. späteren gerichtlichen Auseinandersetzungen als Zeuge genannt werden kann.
* Ein Mitläufer macht keine rechtliche Beratung, das dürfen wir nicht! Wenn sich allerdings 2 Privatpersonen über ihre Erfahrung z.B. beim Jobcenter austauschen ist das ok.
* Wichtig ist meistens beim Jobcenter-Besuch, ein Protokoll zu führen. Schnell werden Details entscheidend, wenn es beispielsweise um die Auszahlung der ALG-II-Leistungen geht. Tonaufnahmen sind aber nicht erlaubt.
* Ganz wichtig ist es, sich während des Termins nicht abwimmeln zu lassen, sondern sachlich sein Recht zu fordern. Dabei lässt das Recht den Amtsmitarbeitern häufig einen Ermessensspielraum!
* Wenn man beim Sachbearbeiter auf taube Ohren stößt, ein Gespräch mit dem Teamleiter einfordern. Sofern von dort auch keine Abhilfe kommt, zur Beschwerdestelle gehen oder ein Gespräch mit dem Amtsleiter oder Geschäftsführer des Jobcenters einfordern.

Euer Feedback ist wichtig

Da strikter Datenschutz für uns Grundvoraussetzung für die Arbeit im Rahmen der Hartz 4 Thematik ist, haben wir die Vermittlung von Mitläufern voll in die Hände der Mitläuferliste gelegt. So werden nur die Informationen öffentlich, die notwendig für eine erfolgreiche Vermittlung sind. Das ist gut so und bleibt so.
Nachteil dieses Verfahrens ist jedoch, dass wir nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtbildes haben und so selbst nicht wissen, wie viele Begleitungen seit Start unserer Aktion von Mitläufern vorgenommen wurden. Da wir für mindestens 10% aller Jobcenter-Termine Mitläufer zusammenbekommen möchten, wäre es schön, aus Eurem Feedback einen groben Schätzwert ermitteln zu können.
Deshalb möchten wir Euch bitten, uns mitzuteilen, wie viele Menschen Ihr seit Eurer Eintragung in die Mitläuferliste bereits begleitet habt. Natürlich ist dieses Feedback kein Muss, lediglich ein “Nice to have” für uns, damit wir abschätzen können, wie gut wir sowohl Menschen mit Begleitungsbedarf als auch mit Begleitungsbereitschaft erreichen.
Als nächste geplante Neuerung steht der Umzug der formlosen Liste im Pad in eine strukturierte Datenbank inklusive Umkreissuche bevor. Um diesen Umzug durchführen zu können, wäre es gut, wenn Ihr uns Eure Postleitzahl mitteilen könntet. Diese wäre auch praktisch, weil wir gerne eine sich automatisch aktualisierende Mitläuferkarte erstellen möchten, damit man direkt eine Übersicht bekommt, wo es viele Mitläufer gibt und wo dringend welche benötigt werden. Bitte schickt uns diese und eventuelle Änderungen an Euren Daten, so Ihr wollt, als Antwort auf diese Mail.

Aktuelle Aktion
In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wird derzeit ein bundesweiter “Schlecker-Aktionstag” vorbereitet. Dazu sammeln wir die Adressen noch freier Schlecker- und IhrPlatz-Läden. Wir wären Euch daher dankbar, wenn Ihr uns Schlecker-Filialen mit Adresse nennen könntet, die in Eurem Umfeld bisher nicht wieder vermietet wurden. Auch dazugehörige Fotos wären sehr schön. Bitte sendet alles mit dem Betreff “Schlecker” an mitlaeufer@wirgehenmit.org. Für Eure Hilfe vielen Dank.

Wunsch nach mehr Information?
Wer von Euch in Zukunft mehr Infos von uns auf diesem Wege bekommen möchte, braucht uns nur entsprechend auf diese E-Mail zu antworten.
Alle Anderen bekommen von uns nur im Falle wirklich wichtiger Angelegenheiten eine E-Mail. Und wir denken dabei nicht an Spendenaufforderungen für uns, sondern an Begleitungsnotfälle und ähnliche tatsächlich wichtige Anliegen.

Wir danken allen Beteiligten für die Hilfe und Mitarbeit, und hoffen, dass sich unser gemeinsames Projekt auch in Zukunft so positiv weiterentwickelt.

Euer Orgateam von Wir Gehen Mit – Die Mitläufer e.V.

Solidarität und europäisches Miteinander (er)leben

Während ProNRW im Rahmen ihrer „Asylmissbrauch“-Tour in Duisburg Halt macht und andere Organisationen und Parteien bereits zur großen Gegendemo aufgerufen haben, zeigen drei Duisburger Hilfsvereine, wie Integration gelebt werden kann: Sie laden alle Interessierten Mitbürger zum Zeichen echter Solidarität am Dienstag, 12.03.2013 von 9.00 bis 11.00 Uhr zum Frühstück gemeinsam mit den dort wohnenden Rumänen in das sogenannte Problemhaus „In den Peschen 3-5“ in 47226 Duisburg-Bergheim ein.

Gemeinsam mit „Bürger für Bürger Duisburg e.V.“ haben sich die Vereine „ZOF e.V.“ und „Wir gehen mit – Die Mitläufer e.V.“ bereit erklärt den rumänischen Zuwanderern im Rahmen ihrer jeweiligen Kompetenzen zu helfen. „Man kann darüber streiten ob die Menschen hier willkommen sind, man kann darüber streiten ob das Problem von Europa gemacht wurde und man kann darüber streiten wie die Stadt auf diese Herausforderung reagieren soll – aber man kann über eines nicht streiten: Diese Menschen sind hier, sie leben in unserer Stadt, sie haben Hunger und ihnen muss geholfen werden!“ erklärt Rolf Karling, der seit Tagen mit seinem „Verein Bürger für Bürger Duisburg e.V.“ die Bewohner des Hauses In den Peschen 3-5 allabendlich mit Lebensmitteln versorgt.

Der Verein „ZOF e.V.“ wird in der nächsten Zeit beginnen die rumänischen Kinder an die deutsche Sprache heranzuführen. Trotz Schulpflicht können die Kinder die Schule nicht besuchen, weil ihnen grundlegende Deutschkenntnisse fehlen und sie dem Unterricht gar nicht folgen könnten. Wie in allen drei Vereinen üblich werden auch in diesem Fall ehrenamtliche Helfer diese Aufgabe übernehmen. Die Menschen müssen befähigt werden sich in Deutschland verständigen zu können. Nur durch die Möglichkeit der Kommunikation können Spannungen im Umfeld abgebaut werden.

„Alle Beteiligten befinden sich in einer Zwickmühle.“ erklärt Hans-Peter Weyer, Pressesprecher des Vereins „Wir gehen mit – Die Mitläufer e.V.“, die Situation. „Schon beim Meldeamt gibt es Probleme, weil niemand deutsch spricht. Anmeldungen zur Schule können aus gleichem Grund nicht stattfinden. Und auch Verständigung mit den Nachbarn kann nicht wirklich stattfinden, weil die nötigsten Grundlagen der Kommunikation nicht bestehen.“

Mit dem gemeinsamen Frühstück gerade zum Zeitpunkt der ProNRW-Demo, wollen alle drei Vereine deutlich machen, dass für ein geeintes Europa die Bereitschaft zur Kommunikation und das Verstehen und Akzeptieren des jeweils Anderen wesentliche Voraussetzung ist. „Wer am Frühstück teilnehmen und europäisches Miteinander mit uns leben möchte, ist am Dienstag von 9-11 Uhr dazu herzlich eingeladen“, so Weyer.

Gastbeitrag: Die Sache mit dem Jobcenter

„Harsche Kritik am rüden Umgangston im Jobcenter in Recklinghausen“ so titelte die WAZ. Eine Frau sei im Jobcenter Recklinghausen arrogant behandelt worden, man habe Ihr mit dem Sicherheitsdienst und dem Rausschmiss gedroht. Leider handelt es sich hier um keinen Einzelfall.

Kein Jobcenter gleicht heute mehr dem anderen. Überall gibt es andere Geschäftsführer. Nicht alle Jobcenter unterstehen mehr der Bundesagentur für Arbeit – viele handeln stattdessen als sogenannte „Optionskommunen“. Diese Jobcenter unterstehen nur noch dem Kreis beziehungsweise der kreisfreien Stadt.

Ich habe viele Erfahrungen mit Jobcentern sammeln dürfen, habe selbst in Bochum und Soest im Jobcenter gearbeitet. Heute bin ich als Rechtsanwältin im Einzugsbereich des Jobcenters Essen tätig. Ich kenne daher beide Seiten.

Auf der einen Seite gibt es die einfachen Angestellten im Jobcenter. Oft selbst mit befristeten Verträgen und Angst um Ihren Arbeitsplatz. Die Fachkräfte sind oftmals studierte Juristen, Sozialarbeiter, Germanisten und dergleichen. Eine Einarbeitung erfolgt in vielen Fällen nicht. Fortbildungen gibt es nur selten. Es werden dort Menschen auf einen Arbeitsplatz gesetzt, von dem sie eigentlich nur wenig Ahnung haben. Die sollen dann über die Existenz anderer Menschen entscheiden. Im Jobcenter herrscht oft auch unter den Kollegen eher eine angespannte Stimmung. Das ist alles keine Entschuldigung, soll aber verdeutlichen, dass auch die Mitarbeiter in der Arbeitsvermittlung einen schweren Stand haben.

Auf der anderen Seite gibt es die „Hilfebedürftigen“, die „Kunden“, die „Leistungsempfänger“. Die meisten sind nicht glücklich mit ihrer Situation – wer ist schon gern auf die Hilfe anderer angewiesen? Anders können sie sich aber ihr Leben nicht mehr leisten. Wenn in solch einer Lage dann auch noch Auszahlungen durch das Jobcenter verspätet kommen, wenn durch EDV-Fehler die Miete nicht angewiesen wird oder die Sachbearbeiter einfach Fehler machen, ist es nicht verwunderlich, wenn die Menschen lauter werden. Es geht um Ihre Existenz!

Hier liegt glaube ich ein ganz großes Problem. Wenn ich sehe, dass einem Mandanten der Umzug verweigert wird nachdem sein Elternteil sich in der Nähe der gemeinsamen Wohnung umgebracht hat, und das Jobcenter bringt allen Ernstes die Begründung, dass es sich um ein „privates Problem“ handelt, das sich auch nicht durch einen Umzug lösen lässt, dann frage ich mich, wo das gegenseitige Verständnis abgeblieben ist.

Hilfebedürftige, die nicht wissen wie sie über das Wochenende kommen sollen, weil das Jobcenter ihnen aus Versehen nur 22 EUR (!) ausgezahlt hat, bekommen einen Notfalltermin frühestens an einem Dienstag.

Genau aus diesem Grund ist es vor allem wichtig, dass die Möglichkeit der Beratungshilfe- und Prozesskostenhilfe erhalten bleibt. Diese Möglichkeiten sollen aufgrund eines neuen Gesetzesentwurfs stark eingeschränkt werden. Vor Allem die Einführung einer “Bagatellgrenze” (für Manche sind 20 Euro halt nicht mehr wenig) und der Vorschlag die Prozesskostenhilfe nachträglich wieder zurücknehmen zu können führt den Sinn der Prozesskostenhilfe ad absurdum. Im Endeffekt nimmt man den ärmeren Parteien immer mehr die Möglichkeit Ihre Rechte wahrzunehmen.

In NRW wird damit fortgesetzt, was mit dem 2. Bürokratieabbaugesetz angefangen hat. Hier wurde bereits die Möglichkeit des Widerspruchsverfahrens in vielen Fällen gestrichen. Kein Wohngeldempfänger zieht direkt vor das Verwaltungsgericht mit allen Kostenrisiken. Daher bin ich für die Ablehnung des aktuellen Gesetzesentwurfs zur Anpassung der Prozesskostenhilfe. Den Hilfeempfängern oder Geringverdienern muss weiterhin die Möglichkeit gegeben werden die Entscheidungen z.B. des Jobcenters zu überprüfen.

Bei allem Verständnis für die Situation der Jobcenter-Mitarbeiter: Es geht hier um Existenzen, nicht um Bedarfsgemeinschaftnummern. Arbeitslosengeld 2 zu erhalten ist kein Privileg der Faulen. Es kann jedem passieren, in diesen Kreislauf zu rutschen. Gerade deswegen wünscht man sich ein gewisses Maß an Respekt. Kein Jobcenter-Mitarbeiter möchte auf der anderen Seite des Tisches sitzen. Viele müssten sich eigentlich noch gut erinnern können, wie das war – werden sie doch selbst oft aus den Reihen der „Vermittlungsfälle“ rekrutiert.

Aber, und auch das bitte ich nicht zu übersehen: Es gibt auch andere Mitarbeiter. Vielen ist es ein echtes Anliegen zu helfen doch oft sind ihnen durch gesetzliche Regelungen einfach die Hände gebunden. Ich habe erlebt, wie ein Sachbearbeiter einem Hilfebedürftigen 50 EUR aus eigener Tasche geliehen hat, als eine Bewilligung zu diesem Zeitpunkt rechtlich einfach noch nicht möglich war.

Wichtig ist, dass beide Seiten sich aktiv Mühe geben zu erkennen, dass auch auf der anderen Seite nur ein Mensch sitzt. Es gehört gegenseitiger Respekt dazu, ein ganz normaler freundlicher Umgangston und Verständnis. Leider ist dies derzeit eher eine Utopie. Solange nach Messerstechereien Wachmänner in Jobcentern stehen, Bürotüren verschlossen sind, keine kurzfristige Möglichkeit zur Vorsprache beim Sachbearbeiter besteht, Hotlines nicht besetzt sind und Unterlagen öfter verloren gehen als ankommen, muss man sich nicht wundern, wenn die Hilfebedürftigen nicht mehr freundlich auftreten und alltägliche Situationen immer wieder eskalieren.

Christina Worm

Vielen Dank an Frau Worm für diesen Gastartikel!
Frau Worm ist als Anwältin im Bereich Sozialrecht aktiv und betreibt einen eigenen Blog unter http://gravitationswelle.com
(Impressum: http://gravitationswelle.com/?page_id=8)

Sie ist über Twitter erreichbar als @BackschafterBo .

Vorstellung der sozialen Initiative “Die Mitläufer” bei der AStA

Lieber AStA,
wir sind eine soziale Initiative, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen als ehrenamtliche Begleiter zu aktivieren. Unser Ziel ist es, jeder Person, die einen Amts-, Behörden- oder Jobcenter-Termin nicht allein wahrnehmen möchte, eine ehrenamtliche, aufmerksame und deeskalierende Begleitung zur Seite zu stellen.
Diese Begleitungen werden von den “Mitläufern” angeboten, von Menschen die sich nach folgendem Kodex als Begleiter im Rahmen ihrer Möglichkeiten zur Verfügung stellen.
Wer als Mitläufer ehrenamtlich begleiten möchte, muss dazu nur die Bereitschaft mitbringen. Eine Mitgliedschaft im Unterstützerverein (Wir Gehen Mit – die Mitläufer e.V.) ist nicht erforderlich.

Der Mitläuferkodex:
1. Mitläufer begleiten ehrenamtlich Hilfesuchende zu Terminen bei Ämtern und zum Jobcenter.
Sie unterlassen dabei alles, was dem Hilfesuchenden in seiner Sache schaden könnte und tragen zur Deeskalation bei.
2. Mitläufer erstellen nach einer Begleitung, wenn es vom Begleiteten gewünscht wird, ein Gedächtnisprotokoll, welches dem Hilfesuchenden übergeben wird. Das Protokoll wird vom Mitläufer und dem Begleiteten unterschrieben.
3. Datenschutz und Verschwiegenheit über persönliche Daten sind uns sehr wichtig und wir behandeln die uns zur Kenntnis gebrachten Informationen absolut vertraulich!
4. Es wird vor dem Termin abgesprochen, ob der Mitläufer nur als stummer Begleiter auftritt, der sich ggf. Notizen macht, oder ob er in die Diskussion mit dem Sachbearbeiter eingreifen darf.
5. Es findet keine Missionierung statt: Eine Beeinflussung der Begleiteten zum Zwecke politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Anwerbung oder der aktiven Mitarbeit bei den Mitläufern lehnen wir ab.
6. Ausgrenzung, Menschenverachtung und Diskriminierung haben haben bei den Mitläufern keinen Platz.
7. Zuverlässigkeit: Ein Mitläufer hält sich an die getroffenen Vereinbarungen.
8. Der Begleitete kann jederzeit (auch während des Termins) den Mitläufer ohne Angabe von Gründen aus seiner Funktion entlassen. Hierauf weist der Mitläufer hin und respektiert den Wunsch des Hilfesuchenden.
9. Bei Verstößen gegen die gemeinsam beschlossenen Verhaltensregeln ist eine Beschwerde über einen Mitläufer unter folgender Adresse möglich:
mitlaeufer@wirgehenmit.org
Wir versuchen dann gerne zu schlichten (und müssen es uns natürlich letztendlich auch vorbehalten, einzelne Mitläufer die sich nicht an die Regeln halten, auszuschließen).

Wir haben seit Juli 2012 bundesweit mehr als 200 “Mitläufer” gefunden, die sich auf unserer öffentlichen “Mitläuferliste” eingetragen haben. Dort sind sie von Menschen, die für einen entsprechenden Termin eine ehrenamtliche Begleitung suchen, leicht zu finden. Mitläufer, die ihre Daten nicht öffentlich machen wollen sind in unserer verdeckten Liste eingetragen und können über unser Orga-Team aktiviert werden.

Wir streben an, neben der direkten, konkreten Hilfe für Menschen mit Begleitungsbedarf noch einige andere Ziele zu erreichen:
1. Wir möchten Menschen dazu inspirieren, sich ehrenamtlich und gemeinnützig füreinander zu engagieren.
2. Wir wollen in der Bevölkerung weit verbreitete Vorurteile abbauen, indem wir Menschen ohne direkten Bezug zum Sozialsystem einen Einblick in die Lebenswelt von Leistungsberechtigten geben. So soll eine breite Erfahrungsbasis für eine offene und sachliche Diskussion über die Zukunft unseres Sozialsystems geschaffen und das gegenseitige Verständnis gefördert werden.
3. Durch die Organisation einer dezentralen, offenen und vor allem gemeinnützigen Zusammenarbeit aus Vereinen, Initiativen und Privatpersonen wollen wir der in unseren Augen als unethisch zu verurteilenden Politik und persönlichen Bereicherung zu Lasten der betroffenen Menschen entgegenwirken.

In diesem Sinne bitten wir um Eure Hilfe:
Wir sehen an den Hochschulen noch ein großes Potential, sowohl an möglichen Mitläufern als auch Menschen mit Begleitungsbedarf. Die von Euch vertretenen Studierenden haben immer weniger Zeit, für die weiter steigenden Lebenshaltungskosten aufzukommen. Wollen sie sich nicht bereits zu Studienzeiten verschulden, sind viele auf Hilfen, wie etwa Wohngeld, angewiesen. Hier können Mitläufer bei der Antragstellung hilfreich zur Seite stehen – besonders, wenn sie selbst Studenten sind.
Um Studierende auf unser Angebot aufmerksam zu machen und sie vielleicht sogar selbst als Begleitende zu gewinnen, wäre Eure Weiterempfehlung an und bei studentischen Selbsthilfegruppen sehr schön. Auch für die Möglichkeit, auf den AStA-Sommerfesten einen Infostand aufzustellen, um dort über uns informieren zu können, wären wir Euch dankbar.

In diesem Sinne freuen wir uns auf eine gelungene Kooperation.
Mit besten Grüßen,

Till Riebeling
WirGehenMit – Die Mitläufer e.V.
WirGehenMit.org
mitlaeufer@wirgehenmit.org
Tel.: 02065-7923199